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Jede Menge Salz und Gülle

11.01.2021 (geändert 18.01.2021), Lesedauer ca. 5 - 10 Minuten

Der Artikel „Irrigated afforestation of the Sahara and Australian Outback to end global warming“ (PDF, 1,5 MB) aus der Zeitschrift Climatic Change von Leonard Ornstein, Igor Aleinov und David Rind aus dem Jahr 2009 schlägt, wie im Titel vermerkt, die Aufforstung von 1,6 Milliarden Hektar Wüste in der Sahara und dem australischen Outback vor, um durch die so erfolgte Festlegung großer Mengen atmosphärischen Kohlenstoffes in Biomasse den Klimawandel zu beenden. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Veröffentlichung, aber auch alternativen Aufforstungs- und Geo-Engineering-Verfahren ist Kernthema im sechsten und siebten Kapitel des Buches „Der Atem des Waldes“.

Ungelöste Fragen im Artikel von Ornstein et al. sind etwa der Verbleib des bei Meerwasser-Entsalzung anfallenden Salzes, aber auch die für den Erfolg einer solchen Aufforstung nötigen Düngung. „Der Atem des Waldes“ stellte dazu die Überlegung an, Gülle aus der Tierhaltung, die in Europa zum ökologischen Problem für die Wasserversorgung wird, mit Frachtschiffen zu den Aufforstungen zu bringen: Dieser Transport käme energetisch weit günstiger als die Produktion von Dünger, die enorme Mengen Energie verbrauchen und damit den klimatischen Nutzen des Projektes in Frage stellen würde. Natürlich wendet der Umweltschutz zurecht ein, dass solche Gülle-Transporte eine potenzielle Gefahrenquelle sind, worauf eine Greenpeace-Veröffentlichung (PDF, 1,4 MB) im November 2020 hinwies: Sie könnten z. B. Antibiotika-Resistenzen verbreiten. Es sei denn, die Gülle wird sterilisiert.

Mit Salz aus der Meerwasser-Entsalzung beladen, könnten die Frachter auf dem Rückweg einen Abstecher nach Grönland machen, um das Salz in den dort auftretenden Schmelzwasser-Strömen zu verklappen: Der starke Zufluss von süßem Schmelzwasser stört die Nordatlantische Umwälzbewegung (Atlantic Meridional Overturning Circulation, AMOC) und schwächt so den Golfstrom.

Der Meeresforscher Stefan Rahmstorf nannte auf Anfrage einen Salzgehalt in Meerwasser von etwa 3,5 Prozent und wies hin auf seinen 2015er Artikel zur Verlangsamung des Golfstroms. Darin ist wiederum als Quelle der Artikel „Recent large increases in freshwater fluxes from Greenland into the North Atlantic“ (PDF, ca. 370 kB) aufgeführt. Darin werden als Schmelzwasserabfluss für Grönland zwischen 1990 und 2015 mindestens 3.200 km3 (± ca. 11 Prozent) genannt, also mindestens 128 km3 im Jahr.

(Update) Der Salzgehalt würde bei gleicher Dichte wie Wasser 4,48 km3 entsprechen, doch hat Salz, zumindest das hauptsächlich vertretene Natriumchlorid (NaCl), eine Dichte von etwa 2,16 g/cm3, mithin etwas mehr als das Doppelte im Vergleich zu Süßwasser mit 1 g/cm3. Ausgehend von dieser groben Schätzung müssten sich theoretisch mindestens 2 km3 Salz aus Meerwasserentsalzung jährlich allein dem dortigen Schmelzwasser beimengen lassen, um seine Salinität dem von Meerwasser anzugleichen. Die größten Massengut-Frachter bieten weniger als 250.000 m3 (Kubikmeter) Volumen, 2 km3 Salz entsprechen somit 8.000 Schiffsladungen á 250.000 m3 im Jahr, das wären rund 22 Frachter am Tag. Schon das wäre logistisch eine mehr als sportliche Leistung. (/Update)

Der Artikel von Ornstein et al. rechnet mit einem Bewässerungsbedarf von 1.200 mm, bis die Verdunstung der Aufforstung möglichen, natürlichen Niederschlag hervorrufen würde. Dessen Menge ist vorab kaum einzuschätzen, würde aber den Bewässerungsbedarf und den an entsalztem Meerwasser verringern – schon die Hälfte des nötigen Wassers aus Niederschlag wäre ein Erfolg. Niederschlagsmengen werden pro Jahr und Quadratmeter angegeben: 1.200 mm entsprechen somit 12.000 m3 je Hektar, auf einer Milliarde Hektar würden bei Bewässerung mit 1.200 mm/Jahr etwa 210 km3 Salz im Jahr anfallen, entsprechend einer Fläche von 10 mal 20 Kilometern, 50 Meter hoch mit Salz aufgeschüttet. Eben jede Menge Salz.

Zwar ist diese Rechnung irreführend, denn die nötige Bewässerung und das anfallende Salz würden nur langsam, eben dem Fortschritt der Aufforstung entsprechend zunehmen. Dennoch zeigt das Beispiel, auf welche Probleme Methoden auch des „grünen“ Geo-Engineerings stoßen, wenn sie den Folgen des größenwahnsinnigen CO2-Ausstoßes des Menschen gegensteuern wollen. Und es zeigt, auf welche Probleme auch Deutschland durch den in Folge des Klimawandels seit längerem zu geringen Niederschlag in naher Zukunft stoßen könnte, wenn der kommende Wassermangel durch entsalztes Meerwasser gelindert werden sollte (was die Wälder nicht retten wird, wie wollte man die bewässern?).

Das ist die Wahl: Entweder, man beklagt weiter den Verbrauch fossiler Ressourcen, die das Klima verändern und hofft, das werde irgendwann aufhören. In 20 Jahren? In 50 Jahren? Wer weiß. Ebenso die ethisch beklagenswerte, industrielle Tierproduktion in Massen (samt der anfallenden Gülle), die ebenfalls das Klima schädigt und auch irgendwann zurückgehen wird – wenn die so verursachten Umweltschäden endlich eingepreist werden. In der Realität aber liefern sich Discounter und Bauern Kleinkriege um gerade noch erträgliche Minimalpreise für Molkereiprodukte und Fleisch.

Oder man schaut sich die Situation an und überlegt, was man daraus machen kann, um die Umweltschäden einzugrenzen. Mit 213 km3 Wasser, aus denen man die erwähnten 7,5 km3 Salz entfernt, ließen sich jährlich 17,75 Millionen Hektar bewässern – so lange kein natürlicher Niederschlag auftritt, den solch eine Aufforstung, die eine gewaltige Geo-Pumpe darstellt, erwarten lässt. Abtransportiert wäre das Salz dann aber immer noch nicht.

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