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Waldschutz in Amazonien - warum?

17.01.2021, Lesedauer ca. 5 - 10 Minuten

In „Der Atem des Waldes“ wird die These vertreten, dass der amazonische Regenwald am besten von der forstlichen Nutzung ausgenommen bleiben sollte. Als Gründe angeführt werden die Nährstoffverteilung und die Erschließung des Waldes, die im Zuge auch einer legalen und um Nachhaltigkeit bemühten forstlichen Nutzung unerlässlich wäre. Eine im Oktober 2020 von Forschern der Universität Hamburg veröffentlichte Studie belegt, dass weitere Gründe dagegen sprechen.

Die Nährstoffverteilung zwischen Boden und Vegetation ist in den Tropen umgekehrt wie in den gemäßigten Breiten, wo im Schnitt etwa 80 Prozent der Nährstoffe im Boden gespeichert sind, in der Vegetation aber nur 20 Prozent. Entfernt man in den Tropen den Aufwuchs, bleiben nur 20 Prozent der zuvor am Standort gespeicherten Nährstoffe zurück. Zudem wird durch die forstliche Erschließung mit Pfaden oder Wegen, die spätestens zum Abtransport gefällter Bäume unumgänglich sind, der Bestand geöffnet für Goldsucher, illegale Holzfäller und Wilderer, die erhebliche Schäden anrichten können.

In den gemäßigten Breiten wird in bewirtschafteten Wäldern mit Erfolg das Konzept der Zukunftsbäume (Z-Bäume) eingesetzt: In Naturverjüngungen, aber auch in gepflanzten Beständen werden bereits im frühen Stadium einzelne Bäume mit Merkmalen ausgesucht, die bei späterer Ernte eine erfolgreiche Vermarktung des Holzes erwarten lassen. Diese Z-Bäume werden gekennzeichnet und bei wiederkehrenden Durchforstungen gefördert: Andere Bäume, die sie bedrängen, werden entfernt, sodass die freigestellten Z-Bäume mehr Wuchsraum erhalten und dadurch stärkeren Zuwachs entwickeln können. Idealerweise können ab einem bestimmten Alter auch die bei Durchforstungen entnommenen Bäume einer sinnvollen Verwertung zugeführt werden, um den von ihnen gespeicherten Kohlenstoff langfristig festzulegen oder, bei thermischer Nutzung, fossile Brennstoffe zu ersetzen.

Dafür ist forstliches Augenmaß erforderlich, nicht nur bei der Auswahl der eigentlichen Z-Bäume, sondern auch für den Rest des Bestandes: Er darf nicht zu stark geöffnet werden – das könnte die zur Kohlenstoffspeicherung wichtige Senkenwirkung des Waldes beeinträchtigen und würde z. B. die Gefahr eines Windwurfes erhöhen. Auch darf der verbleibende Bestand nicht so ausgedünnt werden, dass bei unerwartetem Ausfall eines Z-Baums kein Ersatz mehr zu finden ist, selbst wenn der vielleicht langfristig geringeren Wert erhoffen lässt als der (ausgefallene) Top-Favorit.

Dies Konzept wurde auch in die Tropen übertragen, da es in den gemäßigten Breiten eine nachhaltige und naturnahe Waldbewirtschaftung ermöglicht, die – sorgfältig umgesetzt – auch dem Artenschutz Raum gibt. Das internationale Regenwald-Schutzprogramm REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) belohnt solches Vorgehen auch in den Tropen.

In den Tropen aber, so die Ergebnisse der Studie, wird mit 130 Jahren der Zeitraum unrealistisch, in dem der Wald den Biomasse-Verlust durch Entnahme der bedrängenden Bäume auch hinsichtlich der Kohlenstoff-Speicherrate wieder wettmachen könnte. Eine klimaschützende Wirkung der Holznutzung, die in den gemäßigten Breiten belegt ist – durch die Versorgung der Wirtschaft mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz und die Stimulation des Wachstums durch die entstehende Lücke im Wald wird langfristig mehr Kohlenstoff aus der Atmosphäre fixiert im Vergleich zum Verzicht auf die Waldnutzung – kann somit unter den untersuchten Bedingungen nicht erfüllt werden; das Z-Baum-Verfahren wird dort aus Sicht des Klimaschutzes kontraproduktiv.

Ein Gastbeitrag eines der Studienautoren für klimareporter.de lässt erkennen, dass die Artenvielfalt den Erfolg der Z-Baum-Auslese in den Tropen verhindert: Es gibt dort je Hektar oft nur ein oder zwei aussichtsreiche Exemplare marktfähiger Baumarten, zu deren Förderung jeweils bis zu vier andere, bedrängende Bäume fallen müssten. Dazu kämen das Anlegen von Transportschneisen und die unbeabsichtigte Beschädigung von Nachbarbäumen – all das verursacht zu hohe Biomasse-Verluste. In den gemäßigten Breiten mit ihrer weit geringeren Artenvielfalt treten dagegen regelmäßig weit mehr, teils mehrere Hundert aussichtsreiche Kandidaten je Hektar auf – was im überholten Modell der Altersklassenwirtschaft zu monotonen, artenarmen Wäldern geführt hat, die keinen Beitrag zum Kampf gegen den Artenverlust leisten können. Nur allmählich und unter dem Druck des fortschreitenden Klimawandels setzt sich die naturnahe, einzelstammweise Bewirtschaftung durch.

Ökologie, Arten- und Klimaschutz sprechen somit eindeutig gegen die forstliche Nutzung tropischer Regenwälder. Doch bleibt eine politische Zwickmühle: Die Industrieländer haben ihre Wälder weit überwiegend bereits vor Jahrhunderten schwerst dezimiert, neben ihrem Ressourcenverbrauch auch damit den Klimawandel befeuert und ihre überlegene Wirtschaftskraft darauf aufgebaut. Jetzt aber fordern sie unter dem Druck von Klimawandel und Artenschwund von den ärmeren, sich entwickelnden Ländern, deren Wälder zwecks Klima- und Artenschutz zu erhalten – dabei werden deren Waldprodukte oft auch noch in die reichen Länder exportiert. Das zeigt, warum Klimaschutz in den Industrieländern beginnen muss.

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